Wenn die gegenwärtige Rezession endlich vorüber ist, dann kann es sein, das Armutsforscher vor einem Rätsel stehen werden. Es ist nämlich durchaus möglich, dass Statistiken suggerieren werden, die Krise hätte zu sinkender Armut geführt - jedenfalls in einigen Teilgruppen der Bevölkerung. Leider wird dieser Effekt, sollte er tatsächlich eintreten, ausschließlich darauf zurückzuführen sein, dass wir „Armut" auf eine vollkommen falsche Art und Weise definieren und messen.
In den meisten europäischen Ländern gilt als arm, wer in einem Haushalt lebt, dessen Einkommen weniger als 60% des jeweiligen Median-Haushaltseinkommens beträgt. Unter Zugrundelegung dieser Definition sinkt die Armut, wenn die Einkommen der am wenigsten Betuchten einen größeren Zuwachs erfahren als die der Mittelschicht. Das kann z.B. durch staatliche Umverteilung geschehen.
Es gibt allerdings noch eine weitere Möglichkeit, die oben definierte „relative Armut" innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen zu senken. Besteht das Einkommen einer Zielgruppe weitgehend aus staatlichen Transferleistungen, deren Höhe von der konjunkturellen Entwicklung unabhängig ist, dann kann die statistische Armut in dieser Gruppe auch dann sinken, wenn das Medianeinkommen des Landes fällt. Das kann z.B. durch Wirtschaftskrisen geschehen.